
Mit dem früheren SPD-Landrat Horst Schnur war ein Kommunalpolitiker zu Gast in der Beerfelder Einrichtung. Seine Beiträge waren mit vielen persönlichen Anekdoten geschmückt.
Einen Vormittag gab es 80 Jahre Odenwälder Nachkriegsgeschichte in der Oberzent-Schule Beerfelden: Mit dem früheren SPD-Landrat Horst Schnur war in Begleitung seiner Frau Traudel ein Kommunalpolitiker zu Gast, der an ihrer Entwicklung beteiligt war. Seine kurzweiligen Beiträge waren mit vielen persönlichen Anekdoten geschmückt. Der 84-Jährige stellte seine Vita vor und streifte die Themen Schulkarriere sowie Landratsberuf.
Nach seiner Geburt 1942 in Darmstadt floh die Familie nach der dortigen Bombennacht 1944 erst nach Klein-Umstadt, dann in den Odenwald. Schnur wuchs als Halbwaise (der Vater war in Stalingrad gefallen) in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Mutter leitete den Kindergarten in Mümling-Grumbach. Nach dem Abitur am Gymnasium Michelstadt studierte er in Frankfurt auf Lehramt. Zur Sozialdemokratie kam er in seiner Schulzeit, berichtete Schnur den Jugendlichen. Damals wurden an einem Tag Schulspenden eingesammelt, erinnerte er sich. Der junge Horst stellte fest, dass es Unterschiede bei der späteren Notenvergabe gab, wenn es raschelte und nicht nur klimperte. Was seinen Sinn für Gerechtigkeit empfindlich störte.
Nach dem Schuldienst in Rai-Breitenbach und an der Gesamtschule Beerfelden wurde er 1974 Leiter der Theodor-Litt-Schule in Michelstadt. Ab 1968 gehörte er dem Odenwälder Kreistag an. 1986 wurde der heute in Olfen lebende Schnur hauptamtlicher Erster Beigeordneter im Odenwaldkreis und 1991 zum Landrat gewählt. Durch einen Zeckenbiss erkrankte er an FSME und ist seitdem stark gehbehindert. Nach seinem kommunalpolitischen Ruhestand 2009 engagierte er sich sozialpolitisch und in der Flüchtlingshilfe. Ein weiterer Schwerpunkt war die Erforschung der Regionalgeschichte. Daraus entstanden mehrere Schriften. Die wurden entweder beim Kreisarchiv im Jahrbuch „gelurt“ oder im Eigenverlag veröffentlicht.
Wie die Bücher, die der 84-Jährige mitgebracht hatte: zur Odenwaldbahn, zum Spinnenforscher aus Beerfelden, zum Raubacher Jockel oder zu Kätchen Paulus. Seine Autobiografie „Rückspiegel“ ist 2013 erschienen. Ein paar prägnante Zitate daraus trug Schnur vor. Wie etwa das: „Marktwirtschaftliche Instrumente sind nicht in der Lage, soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten.“ Auch auf das Thema Bildungsgerechtigkeit ging er ein. „Das Schulsystem darf keine Sackgassen haben, es muss durchlässig sein“, postulierte der frühere Landrat. Während der Bildungsreform dachte man darüber nach, ob Mundart und Dialektfärbung den sozialen Aufstieg der Jugend im ländlichen Raum behindern könnten, erzählte er.
Man wusste zwar, dass Goethe und Schiller den Dialekt ihrer Heimat sprachen und dennoch Weltliteratur in hochdeutscher Sprache verfassen konnten, aber der Bildungsauftrag war festgeschrieben: „Hochdeutsch war geboten“, ärgerte er sich. Denn Schnur ist ein konsequenter Verfechter des Heimatgedankens. Von ihm stammt der Begriff des „Tälerstolzes“, mit dem er für die Oberzent-Fusion warb.
Der Olfener erzählte von der interessanten, im Schulkampf besonderen Zeit mit vielen schulreformerischen Ideen. Die Verfechter wurden angetrieben von der deutschen Bildungsdiskussion und mischten sich aktiv in die Entwicklung der hessischen Rahmenrichtlinien ein. Bei allen Kontroversen und manchmal auch „überspannten Denkansätzen“ war die Diskussion sehr fruchtbar für die Gestaltung ganzheitlicher Bildungsprozesse, blickte er zurück.
Schnur war immer der Meinung, dass fachliche Kompetenzen in Verbindung mit pädagogischer Zuneigung die natürliche Autorität des Lehrers prägen konnten. Weshalb er sich auch nie gegen die Vermittlung von sogenannter „Primärtugenden“ verwahrte, wie Fleiß und Zuverlässigkeit, Höflichkeit und Rücksichtnahme, Kameradschaft und Hilfsbereitschaft. Denn: „Jeder Schüler sollte im Lernprozess einen Erfolg spüren“, erklärte er. Aufmunterndes Lob, eingebunden in konstruktive Kritik, sei in vielen Fällen Ansporn zu besserer Leistung. Nicht die Kritik müsste man aber voranstellen, sondern das Lob, betonte er.
Im Rückblick fielen ihm eine Reihe von Beispielen ein, bei denen es gelungen sei, Schüler auf einen Bildungsweg zu bringen, der ihnen ursprünglich verschlossen schien und so eröffnet werden konnte. Die Schüler lauschten den „Old boy tales“ von Horst Schnur interessiert, fasste Schulleiter Bernd Siefert die Stunde augenzwinkernd zusammen. Die Jugendlichen im Politik- und Wirtschaftsunterricht lernten so eine beeindruckende Persönlichkeit des Odenwalds kennen.